Jüdisches Leben in Aue - Ein historischer Stadtrundgang
Dr. Heinrich Mannes war einer der verfolgten jüdischen Menschen aus Aue. Er emigrierte nach Shanghai und kehrte nach dem Krieg in die Stadt zurück. Im November 1951 hielt er anlässlich des 13. Jahrestages der Novemberpogrome eine Rede, in der er sagte:
„In unserer Stadt lebten sie friedlich, arbeitsam und fleißig mitten unter uns. Wer von den Auern kannte sie nicht: die Familien Thorn, Schifftan, Rosenthal, Mattias, Liebler und Kaiser. Einst wurden sie abgeholt, und jeder für sich musste einen Weg gehen, den wir nicht einmal genau nachzeichnen und beschreiben können, den Weg der Vernichtung. Wohin sind sie gegangen, wo sind sie geblieben? Wir wissen es nicht. Wir wissen nicht einmal, ob der, dem wir heute die Hand reichen, mitschuldig war. Wir haben vergeben, aber nicht vergessen.“
(zit. Nach Böhme, Herbert (2008): Jahrbuch für Forschungen zur Geschichte der Arbeiterbewegung, Friedrich-Ebert-Stiftung, Seite 156).
Dieser Rundgang gibt einen Einblick in das Aue vor,
während und nach dem Novemberpogrom 1938 und soll an die jüdischen Bürger:innen in Aue erinnern. Er folgt ihren Spuren durch die Stadt und erzählt von den Schicksalen hinter den Hausfassaden.
Grundlage für die Erarbeitung ist der Text „Wo sind sie geblieben? Der Novemberpogrom 1938 und die Auer Juden. Eine dokumentarische Untersuchung“ von Herbert Böhme aus dem Jahr 1989. Dieser wurde an passenden Stellen durch weitere Erkenntnisse sowie durch historische Ansichten ergänzt.
Die Auswahl der Namen und Schicksale erhebt keinen Anspruch auf Vollständigkeit. Als Stadtrundgang konzipiert, liegt der Fokus auf der Innenstadt. Weiterführende Informationen finden sich auch auf folgender Seite gedenkplaetze.info | Jüdische Geschichte*
Station 1 | Textilgeschäft Max Rosenthal - Altmarkt 3
Max Rosenthal (Bruder von Rosette Thorn) (* 23.05.1869 in Tschecheln, † 1942 in unbekannt)
Minna Rosenthal (geb. Neumann) (* 19.04.1873 in unbekannt,
† 29.09.1942 in Treblinka)
Zur Pogromnacht 1938 blickte die Familie Rosenthal bereits auf eine lange Handelstradition in Aue zurück. Von 1920 bis 1934 betrieben Max und Minna Rosenthal ihr Textilgeschäft am Altmarkt 3, zuvor hatten sie bereits ein kleines Warenhaus an der Wettinerstraße Ecke Carolastraße (heute Ernst-Bauch-Straße 2) geführt. 1938 unterhielten sie in ihrer Wohnung am damaligen Wettinerplatz 1 (heute Nr. 2) nur noch einen kleinen Textilhandel auf den Namen von Minna Rosenthal.
Am 9./10. November 1938 wurde ihre Wohnung verwüstet und geplündert. Wie viele jüdische Männer wurde Max Rosenthal verhaftet und in das Konzentrationslager Buchenwald verschleppt. Nach seiner Entlassung wurden die Eheleute nach Zwickau zwangsumgesiedelt.
Im Jahr 1942 erfolgte die Deportation der Rosenthals nach Theresienstadt. Von dort verliert sich Max Rosenthals Spur. Minna Rosenthal wurde am 29.09.1942 in das Vernichtungslager Treblinka deportiert und ermordet.
Station 2 | Altmarkt 5, siehe auch Station 8
Lina Kaiser (geb. Drucker) (* 02.04.1880 in Neuruppin, † 1942 in unbekannt)
Gerda Kaiser (* 10.10.1910 in Aue, † 1942 in unbekannt)
Bernd Ludwig Kaiser (* 1915 in Aue, † unbekannt)
Siegfried Kaiser führte am Altmarkt ein Geschäft für Damen- und Herrenkonfektion sowie Schuhwaren. Nach seinem Tod im Jahr 1918 übernahm seine Ehefrau Lina Kaiser die Geschäftsführung. Später arbeitete auch die gemeinsame Tochter Gerda im Geschäft mit. Wie das Leben der Familie weiterging, wird unter Station 8 beschrieben.
Station 3 | Wohn- und Geschäftshaus der Familien Thorn und Schüftan - Schwarzenberger Straße 1
David Thorn (* 27.12.1865 in Krakau, † 30.11.1938 im KZ Buchenwald)
Rosette Thorn (geb. Rosenthal, Schwester von Max Rosenthal)
(* 17.01.1867 in Wiesau, † 29.09.1942 in Treblinka)
Betty Schüftan (geb. Thorn) (* 17.01.1897 in Tschecheln,
† 02.03.1943 KZ Auschwitz)
Max Schüftan (* 19.12.1894 in Neumittelwalde, † 06.03.1943 KZ Auschwitz)
Herta Kreinberg (geb. Thorn) (* 12.12.1902 in Tschecheln, † unbekannt)
Dieter Kreinberg (* 16.06.1928 in Aue , † 07.12.1941 in Aue)
In der Schwarzenberger Straße 1 befand sich bis 1938 das Wohn- und Geschäftshaus der Familien Thorn und Schüftan. David Thorn und seine Ehefrau Rosette hatten zwei Töchter. Die Ältere, Betty, war mit dem jüdischen Kaufmann Max Schüftan verheiratet, der für die bereits das 70. Lebensjahr überschrittenen Schwiegereltern Thorn bis September 1938 das Geschäft führte.
Beide Familien hatten ihre Wohnung im gleichen Haus, in dem sich auch die Verkaufsstelle befand.
Die jüngere Tochter der Thorns, Hertha, lebte mit ihrem nichtjüdischen Ehemann Kreinberg in der Vogtlandgemeinde Markneukirchen. Sie waren dort Inhaber der Firma Lederer und Kreinberg - Hersteller von Saiten und Zubehör für Zupfinstrumente. Max Schüftan, der Ehemann von Betty, übernahm den Betrieb seiner Schwiegereltern und führte ihn bis 1938. Zur Familie gehörte auch der 1927 geborene Dieter Kreinberg, der seine Kindheit zum großen Teil bei den Großeltern Thorn in Aue verbrachte. Während des Pogroms am 10.11.1938 zerstörten die Nazis die Wohnungen der Familien Thorn und Schüftan im Haus in der Schwarzenberger Straße 1. David und Max wurden festgenommen und über die Leitstelle Zwickau nach Buchenwald deportiert. Der 73-jährige David Thorn starb im Konzentrationslager Buchenwald. Max Schüftan kehrte Anfang 1939 aus dem Lager zurück. Er zog mit seiner Frau Betty nach Berlin. Beide wurden im März 1943 getrennt voneinander in das Vernichtungslager Auschwitz deportiert und ermordet. David Thorns Witwe Rosette und die jüngere Tochter Herta blieben vorerst in Aue, Schwarzenberger Straße 1, wohnen. Herta Kreinberg war nach dem tragischen Freitod ihres Ehegatten zur Mutter nach Aue gezogen.
Im Frühjahr 1942 wurden beide zunächst in ein Sammellager nach Plauen gebracht. Von dort wurden sie in das Ghetto Bełżyce deportiert, aus dem sie nicht mehr zurückkehrten. Rosette Thorn wurde im September 1942 über das Ghetto und Durchgangslager Theresienstadt weiter in das Vernichtungslager Treblinka deportiert und dort ermordet.
Der 14 Jahre alte Dieter wurde mit einer schweren Nierenerkrankung im selben Jahr in das Auer Krankenhaus eingeliefert, wo er am 07.12.1942 verstarb.
Für David, Rosette, Betty, Max, Herta und Dieter wurden Stolpersteine am Rande des Altmarkts an der Schwarzenberger Straße 1 verlegt.
Station 4 | Wohn- und Geshäftshaus - Altmarkt 16 (siehe auch Station 9)
Samuel Mannes (* 1895 in unbekannt, † 12.02.1933 in Aue)
Juliuse Mannes (geb. Schönbauer) (* 12.10.1868 in Tabor,
† 1945 in Shanghai)
Dr. Ernst Eisenberg (* 02.02.1893 in Leipzig, † unbekannt)
Am Altmarkt 16 befand sich das Textilgeschäft von Samuel Mannes, der bereits Anfang der 1930er Jahre verstorben war. Seine Witwe, Juliuse Mannes, verkaufte das Geschäft im Juli 1936 an den bisherigen Geschäftsführer Max Gottschaldt, lebte jedoch weiterhin im Haus.
Am 10. November 1938 zerstörte ein aufgebrachter Mob die Wohnung der damals 70‑jährigen Juliuse Mannes. Später wurde sie von ihrem Sohn Dr. Heinrich Mannes, der nach Shanghai emigriert war, nachgeholt. Dort verstarb sie in der Emigration. Weitere Informationen zu ihrem Sohn finden sich unter Station 9.
Auch der Zahnarzt Dr. Ernst Eisenberg wohnte 1938 im Haus Altmarkt 16. Über seinen weiteren Lebensweg ist wenig bekannt. Sicher ist lediglich, dass auch er nach China emigrierte.
Station 5 | Kaufhaus Schocken - Altmarkt 12
Die Brüder Salman und Simon Schocken kamen 1906 in den Besitz des ersten eigenen Kaufhauses in Zwickau, ab 1907 auch unter dem Namen I. Schocken Söhne. Nach dieser Übernahme des Warenhauses in Zwickau entwickelte sich dieses zur Unternehmenszentrale. In den folgenden Jahren entstanden zahlreiche Filialen. Am 22. November 1909 eröffnete schließlich die Filiale in Aue am Altmarkt 12.
Nach dem Tod Simon Schockens im Jahr 1929 führte sein Bruder Salman das Unternehmen weiter. 1930 war Schocken die viertgrößte Warenhauskette Deutschlands. Bereits 1936 übernahm eine britische Bankengruppe die Mehrheit der Anteile, um den wachsenden Druck der Nationalsozialisten abzumildern. Kurz vor den Novemberpogromen wurde das Unternehmen jedoch weiter „arisiert“ und stand nicht mehr im Besitz von Salman Schocken.
Vermutlich war dieser Eigentumswechsel auf lokaler Ebene nicht bekannt. Die Filiale in Aue wurde am 10. November 1938 geplündert und verwüstet.
Station 6 | Ernst-Bauch-Straße 2 (siehe auch Station 1)
Max und Minna Rosenthal
Sie waren bis 1920 Besitzer des kleinen Warenhauses Wettinerstraße - Ecke Carolastraße (heute Ernst-Bauch-Straße 2)
Station 7 | Wettinerstraße 19
Valentin Alfred Meinzer (* 10.01.1888 in Barmen, † 14.02.1976 in Aue)
Valentin Alfred Meinzer war im Kaufhauskonzern Simon und Salman Schocken tätig, wo er in den Filialen Geestemünde und Mülheim/Ruhr arbeitete. Mit seiner nichtjüdischen Ehefrau Johanna Meinzer, geb. Heller, zog er 1922 nach Aue, in die Stadt aus der Johannas Vater stammte. In Aue eröffneten beide noch im selben Jahr in der Wettinerstraße 19 ein Geschäft für Wäsche.
Am 10. November 1938 wurde auch das Geschäft der Meinzers vollständig zerstört und geplündert. Das gleiche passierte mit der Wohnung der Familie Meinzer, Ernst-Papst-Straße 31 (heute Alfred-Brodauf-Straße). Alfred Meinzer wurde abgeführt. Dabei wurde ihm das Nasenbein gebrochen. Zunächst brachte man ihn in sogenannte Schutzhaft zur Polizeiwache Aue. Von hier erfolgt die Überstellung zum Polizeipräsidium Zwickau und von dort in das Konzentrationslager Buchenwald, in dem er sechs Wochen verbrachte. Seine Freilassung konnte er mit dem aufgezwungenen Wunsch auf sofortige Auswanderung erwirken. Alfred Meinzer emigrierte am 22.04.1939 nach Shanghai.
Frau Johanna Meinzer musste für die Wiederherstellung des Straßenbildes nach dem Progrom 1.975 Reichsmark bezahlen. Kontakt zu Ihrem Mann war nicht möglich. In Shanghai betrieb Alfred Meinzer einen ambulanten Handel für Kurzwaren. 1948 kehrte er nach Aue zu seiner Frau zurück.
Station 8 | Lessingstraße 1 (siehe auch Station 2)
Lina Kaiser, Gerda Kaiser, Bernd Ludwig Kaiser
Über Lina Kaiser, geborene Drucker, ist bekannt, dass sie 1938 eine Verkaufsstelle für Damen- und Herrenkleiderstoffe in ihrer Wohnung in der Lessingstraße 1 unterhielt. Am 7. November 1940 meldete das Stadtpolizeiamt Aue dem Oberbürgermeister der Stadt Zwickau zur Kenntnis, dass Lina verw. Kaiser, geborene Drucker am 3. Juni 1940 sowie Max Rosenthal und seine Ehefrau Minna am 1. Juli 1940 nach Zwickau, Wilhelmstraße 54, verzogen sind. Jahre zuvor war Lina Kaiser Inhaberin eines Geschäftes am Altmarkt (siehe auch Station 2). Zur Familie Kaiser gehörten zwei Kinder. Sohn Bernd Ludwig konnte noch vor dem Progrom nach Palästina auswandern. Die Tochter Gerda blieb bei der Mutter und ging mit ihr den qualvollen Weg über die Zwangsaussiedlung bis hin zur Deportation in das Vernichtungslager Bełżyce.
Für Lina, Bernd Ludwig und Gerda sind vor dem Haus Lessingstraße 1 Stolpersteine verlegt.
Station 9 | Poststraße 13 (siehe auch Station 4)
Dr. Heinrich Mannes (* 16.11.1900 in Aue, † 29.05.1973 in Aue)
Der Zahnarzt Dr. Heinrich Mannes betrieb 1938 in der heutigen Poststraße 13 in Aue, gemeinsam mit dem jüdischen Zahnarzt Dr. Eisenberg, eine zahnärztliche Praxis. Mit der Veröffentlichung der Reichsbürgergesetze war jüdischen Ärzten und Zahnärzten die Ausübung von Heilkunde verboten. Am 10.11.1938 blieb die zahnärztliche Praxis beider Juden unberührt. Ebenfalls die kleine Wohnung von Dr. Mannes, die er sich in einem Zimmer der gleichen Etage des Hauses eingerichtet hatte. Vertreter der Stadt hatten sich vor der Praxis postiert. Es ging ihnen dabei vor allem darum, die der Stadt gehörenden vermieteten Räume zu schützen. Dr. Heinrich Mannes wurde am 10.11.1938 verhaftet und über Berlin nach Buchenwald deportiert. Sieben Wochen musste er im Konzentrationslager Buchenwald zubringen, ehe er über die Gestapoleitstelle Chemnitz zum Verlassen des Landes aufgefordert wurde. Er emigrierte nach Shanghai. Im Juli 1947 kehrte er nach Aue zurück, wo er im Haus Ernst-Thälmann-Straße 78 (heute Wettinerstraße) erneut eine Zahnarztpraxis eröffnete.
Station 10 | Clara-Zetkin-Straße 2
Adolf Rosengarten (* 02.06.1886 in Bromberg, † 24.05.1943 in Shanghai)
Er eröffnete 1920 ein kleines Zigarrengeschäft im Hause Mehnertstraße 2 (Clara-Zetkin-Straße). Am 10. November 1938 wurde das Zigarrengeschäft Rosengartens, dass sich links des Haupteingangs Richtung Bahnübergang anschloss, von Nazianhängern vollständig zertrümmert und zerstört. Das gleiche Schicksal ereilte die Wohnung Adolf Rosengartens in Aue, Metzschstraße 15 (heute Geschwister-Scholl-Straße). In Gegenwart seiner Ehefrau wurde auch ein Bild ihres Mannes, welches ihn in Uniform des Frontsoldaten des Ersten Weltkrieges zeigte, zerschlagen und zertreten. Dabei wurde in Anspielung auf die Gleichheit des Vornamens Rosengartens zu ihrem geliebten „Führer“ abfällig geäußert, dass er ausgerechnet noch Adolf hieße. Am 11.11.1938 wurde Adolf Rosengarten mit 20.000 weiteren Männern und Jugendlichen jüdischen Glaubens aus ganz Deutschland in bestehende Konzentrationslager eingeliefert. Adolf Rosengarten kam nach siebenwöchiger Haft im Konzentrationslager Buchenwald Ende Dezember 1938 nach Aue zurück, wo er als erstes der Polizei melden musste, dass die Schäden, welche durch die Ereignisse am 10.11.1938 eingetreten waren, durch ihn und auf seine Kosten beseitigt und das Straßenbild wieder in Ordnung gebracht wurden. Seine Verkaufsstelle für Tabakwaren wurde aufgelöst. Verarmt emigrierte er im April 1940 mit Unterstützung der internationalen jüdischen Gemeinschaft nach Shanghai, wo er 1943 verstarb.
Weitere Verfolgte außerhalb des Stadtrundgangs:
Susanne Teubner (geb. Zivi) (* 07.06.1906 in Colmar, † 22.12.1997 in Aue)
1928 hatten die jüdischen Bürgerin Susanne Zivi und der Kunstmaler Kurt Teubner geheiratet. Zum Zeitpunkt des Progroms am 10.11.1938 waren die Teubners nicht zu Hause. Sie wohnten auf dem Brünlasberg, wohin den Randalierern offensichtlich der Weg zu weit gewesen war. Susanne war bereits 1925 aus kommunistischer Überzeugung aus der jüdischen Glaubensgemeinschaft ausgetreten. Als sie im Februar 1945 deportiert werden sollte, tauchte sie mit ihrem Mann unter.
Martin Matthias (* 17.07.1880 in Koschmin, † 1941 in Berlin) und Rosa Matthias (geb. Proskauer) (* 13.10.1894 in Leipzig, † 1942 vermt. Sobibór)
Einen schweren Leidensweg hatten der Fabrikbesitzer der Firma Anger und Co. Aue, Mehnertstraße 61 B (heute Clara-Zetkin-Straße), Herr Martin Matthias und seine Ehefrau Rosa zu beschreiten. Die Wohnung der Familie Matthias befand sich in der Wettiner Straße 43. Sie wurde, wie die meisten Wohnungen jüdischer Bürger, am 10.11.1938 vollständig demoliert, während die Fabrik von den Ausschreitungen verschont blieb und keinen Schaden nahm. Der Verkauf des Betriebes wurde im Rahmen eines „Arisierungsverfahrens“ an „Arier“ durchgeführt und der Besitzer nach dem Krieg enteignet. Mitgenommen von den Strapazen und den Folgen der Haft erkrankte Martin Matthias und wurde in das jüdische Krankenhaus in Berlin eingeliefert. Hier starb er im Jahr 1941. Rosa Matthias wurde 1942 in ein Vernichtungslager (Sobibór oder Majdanek) deportiert und ermordet.
Philipp Heidenheim (* 27.09.1924 in Oberkassel) wohnte in der Pestalozzistraße 3. Er wurde innerhalb Sachsens in unterschiedliche Lager deportiert. Er überlebte und kehrte nach Aue zurück und wohnte seit 1954 in der Wehrstraße 6.
Eugen Liebler (* 22.09.1872 in Krakau) wohnte am Wettiner Platz 6 und war als Fabrikdirektor für die Weberei Auerhammer der Lilienfelds (s.u.) tätig. Über ihn ist nichts weiter bekannt.
Jüdische Gründer und Unternehmer
Die Gebrüder Simon aus Osnabrück brachten Betriebskapital nach Aue
Die Hemdenfabrik in der Neustadt, jetzt Gelände der Spedition Kämmler, gründete Johannes Caßler am 1. Mai 1877 mit einem kleinen Wäscheversand im Hinterhaus des Fischerchen Grundstücks an der Reichsstraße mit acht Arbeitern. Das Betriebskapital bekam Caßler von der Firma Gebrüder Simon aus Osnabrück. Die Auftragszunahme führte zu immer größeren Produktionsmengen. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts umfasste die Firma fünf Fabriken mit mehreren Filialen und exportierte nach Belgien, die Schweiz und nordische Länder. Am 1. Juli 1914 waren bei Caßler 2728 Personen beschäftigt. Nach dem Tod von Caßler benannte sich das Werk kurzzeitig um in „Herrenwäschefabriken Gebrüder Simon Gmbh“. Nach der Machtübernahme durch die Nazis wurde nochmals umfirmiert, wegen der jüdischen Abstammung der Simons.
Alwin Bauer und S. Wolle – Samuel Wolle
Am 1. Januar 1882 wurde in Aue von Alwin Bauer und Georg Wolle eine Niederlassung der Firma S. Wolle gegründet. Obwohl das Berliner Stammhaus der Firma S. Wolle schon 1848 bestand, war diese Gründung ein Meilenstein zur Entwicklung der einheimischen Textilindustrie. Sie übernahmen die Mechanische Weberei der Firma Geißler und Co., welche sich seit 1867 in der ehemaligen Langmühle (Bahnhofstr. 16) befand. Bis zur Insolvenz des Betriebes 2024 befand sich dort das Wohn- und Geschäftshaus der Curt Bauer GmbH. Ab 1915 wurde Alwin Bauers Sohn Curt Mitinhaber und trat bald als Firmenchef an die Stelle des Vaters. Die Nationalsozialisten erzwangen in den 1930er Jahren die Umbenennung der weltbekannten Firma − Samuel Wolle war jüdischer Herkunft − in Curt Bauer.
Weberei Auerhammer – Victor und Sigmund Lilienfeld
Im Jahr 1837entstand die Weberei Auerhammer. 1857 ging der Betrieb an H. Lilienfeld & Co. aus Leipzig über. Diese begannen mit der Herstellung von Futterstoffen, Futtermusseline und Kattun. Die Leitung des Betriebes lag in den Händen der Brüder Victor und Sigmund Lilienfeld. Um 1890 waren dort etwa 500 Arbeiter beschäftigt. Als 1935 die Nürnberger Gesetze in Kraft traten, entstanden die ersten Schwierigkeiten. Sie durften im eigenen Werk keine leitenden Stellungen mehr bekleiden und entschlossen sich zur stillen Liquidation unter Inkaufnahme großer Verluste. Sie überstanden mit viel Glück die Zeit des Nationalsozialismus und stellten 1945 den Antrag auf Rückerstattung des Familienbesitzes.
Zur Entstehung des Stadtrundgangs
Die Idee zum Stadtplan zu jüdischem Leben in Aue, entstand zu einem Stadtrundgang im Jahr 2025. Eine Initiative von Menschen aus Aue hat die Inhalte zusammengetragen, gemeinsam wurde an der Erstellung gearbeitet.
Die Geschichten zu den einzelnen Stationen wurden größtenteils Quellen aus dem Kreisarchiv des Erzgebirgskreises und den Angaben auf den Stolpersteinen entnommen.
Bilder: Urheber unbekannt, Sammlung Ortschronist Heinz Poller
Quellenverzeichnis:
Fotografie Einleitung um 1925
Station 1: Böhme, Herbert [1989]: Wo sind sie geblieben? S. 30 ff. ; Yad Vashem, Datenbank der Holocaust-Opfer / Fotografie: um 1925
Station 2: Böhme, Herbert [1989], S. 31ff. / Fotografie: um 1920
Station 3: Böhme, Herbert [1989], S. 21 + S. 28ff. / Fotografie: um 1930
Station 4: Böhme, Herbert [1989], S. 21ff. / Fotografie: um 1930
Station 5: Böhme, Herbert [1989], S. 20ff.; MDR: Geschichte Kaufhaus Schocken Chemnitz (2025); Sächsisches Staatsarchiv Schocken AG Nr. 391 / Fotografie: um 1930
Station 6: Werbebild 1910
Station 7: Böhme, Herbert [1989], S. 13ff. / Fotografie: Privatfoto 10.11.1938
Station 8:Böhme, Herbert [1989] S. 30ff.
Station 9: Fotografie um 1935
Station 10: Böhme, Herbert [1989] S. 7ff., Fotografie: um 1914
Weitere Verfolgte: Böhme, Herbert [1989] S. 34-39, Jüdische Gründer und Unternehmer
Gebrüder Simon: Qartiersmaganzin Mittelpunkt Aue 21 / 2022: Herrenhemenden aus Aue. Zeitzeugen erinnern sich (S. 16/17).
S. Wolle: Sächsische Heimatblätter 3/2023: 110 Jahre Unternehmen Curt Bauer in Aue (S. 288/289); Auer Beschäftigungsinitiative e.V. 1998: Industrielle Entwicklung im Auer Tal (S. 16)
Lilienfeld: Gesuch auf Rückerstattung (Kreisarchiv ERZ / St. Aue v 45 Sign. 14)
Impressum:
Kompetenzzentrum für Gemeinwesenarbeit und Engagement e.V.
Redaktionell verantwortlich: Felix Sell, Anna Vogt
Bahnhofstr. 13
08280 Aue – Bad Schlema
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